Opferrollen, Hass, Hassbotschaften und die Lösung

Beschimpfungen, falsche Behauptungen, Verunglimpfungen und Drohungen gehören in der heutigen Welt von Facebook, Twitter und Co leider zum Alltag. Zwar handelt es sich um eine statistisch zu vernachlässigende Zahl von Ereignissen, da sie jedoch in der Regel adressiert sind, fügt der Urheber den Adressaten einen erheblichen materiellen und immateriellen Schaden zu. Dieser kann von seelischen Beeinträchtigungen über einen Reputationsschaden, Kreditgefährdung bis hin zu einem körperlichen Schaden durch einen Übergriff führen. Dies sind alles Gründe für die Einleitung eines Strafverfahrens, das für den Urheber erhebliche Folgenden wie die einer Vorbestrafung haben kann. Wie kommt es, dass die Urheber dies in Kauf nehmen und welche Folgen haben Hassgefühle für die Urheber selbst.

Auch die Urheber sind Opfer, Opfer ihrer unerfüllten / unverstandenen Erwartungen gegenüber ihrer ,Mitwelt. Vielleicht sagen Sie später, dass „etwas“ mit Ihnen durchgegangen ist. Wir alle haben schon Episoden erlebt, in denen wir hilflos und gleichzeitig wütend, eben als Opfer, erlebt haben. Episoden, die emotional aufgeladen sind, werden in unserem Gehirn als emotionales Netzwerk gespeichert. Nehmen wir folgenden Situation an: Der kleine Udo wird von seinem Lehrer für einen Vorfall gemaßregelt, den er nicht zu verantworten hat. Der kleine Udo versucht sich zaghaft zu verteidigen, wird aber von seinem Lehrer vor der ganzen Klasse niedergemacht. Schließlich kuscht er. Er ist darüber wütend, dass er sich nicht verteidigen konnte und so hilflos ist, da Lehrer immer Recht haben und einfach die Stärkeren sind. Er fühlt sich wie ein Opfer.

Beim kleinen Udo wirkt sich das Hebb’sche Gesetz aus, das sagt: „Cells that fire together, wire together.“ In seinem Gehirn bildet sich jetzt ein sog. Episodennetzwerk aus Emotionen, Körpergefühlen, Sinneseindrücken, Alter-, Größen- und Raumwahrnehmung, Verhalten, Selbstabwertung etc. in dem die Details des o.a. Vorfalls festgehalten werden.

Heute, fast 20 Jahre später aus dem kleinen Udo, ist der große Udo und Vater eines kleinen süßen Sohns geworden. Er ist ein beliebter Kollege, liebevoller Ehemann und gütiger Vater. Erst gestern hat er seinen Sohn auf dessen ausdrücklichen Wunsch zu den Eishockey-Bambinis angemeldet. Heute ist er mit seinem Sohn ein wenig zu spät zum ersten Training gekommen. In seiner Euphorie übersieht er, dass alle Kinder, die auf dem Eis sind, ein Trikot anhaben. Schnell zieht er seinem Sohn, der das erste Training kaum erwarten kann, die Schlittschuhe an. Stolz wie Oskar gehen Vater und Sohn zum Eingang und betreten die Eisfläche. Das stürzt ein Mann heran, auf dessen Trikot mit großen Buchstaben Trainer geschrieben steht. „Sehen Sie nicht, dass hier ein Training läuft, was denken Sie sich eigentlich. Nehmen Sie Ihren Jungen und verlassen Sie sofort das Eis.“

Und nun passiert etwas Seltsames. Der sonst so beherzt auftretende und wortgewandte Udo zieht den Kopf regelrecht ein und zieht seinen kleinen Sohn, dem die Tränen laufen, vom Eis herunter, hilft seinem Sohn die Schlittschuhe aus- und die Schuhe anzuziehen und verlässt überstürzt die Eishalle. Auf dem Wege nach Hause steigen Wut und Hass ihn ihm auf, sodass er fast einen Unfall verursacht. Zwischendurch ist er kurz an den Straßenrand gefahren und lässt seinem Hass auf der Facebook-Seite des Vereins freien Lauf, wenn er den Trainer der Unfähigkeit im Umgang mit Kindern bezichtigt und ihm darüber hinaus unterstellt, den Jungen beim Anziehen manchmal auch mehr als zu helfen. Noch immer rauscht das Blut in seinen Ohren. Zuhause angekommen, schickt er seinen Sohn wortlos auf dessen Zimmer und raunzt seine Frau an, die ihren Mann so noch nie erlebt hat.

Was ist passiert? Es war nur ein Auslösereiz nötig, um einer Assoziation den Weg zu bahnen, nämlich dem oben beschriebenen Episodennetzwerk aus Udo’s Schulzeit. Als der Trainer = Lehrer ihn zurechtwies, wurde Udo in die Zeiten seiner Kindheit zurückversetzt. Er fühlte sich klein und hilflos, eben wie ein Opfer. Sofort sprang ein archaisches Rettungssystem in seinem Mandelkern (die Amygdala im limbischen System einem archaischen Teil unseres Gehirns) an, das Blut floss verstärkt in die Gliedmaßen, seine Perspektive verengte sich und seine Kommunikationskompetenzen schwanden dahin. Diesen Zustand nennt man auch Problemtrance. Er flüchtete. Immer noch in der Problemtrance keimten beim ihm noch während der Rückfahrt Hass- und Rachegedanken auf, denen er durch sein Posting auf Facebook Ausdruck gab und so die Spannung abbaute. In der Fachsprache nennt man das auch eine Affekttat und den Vorgang Affektbrücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Udo könnte seinen „Feldzug“ jetzt auf Facebook fortsetzen, den Beistand anderer Opfer finden und sich per Gruppendynamik immer weiter verstricken. Bestenfalls würde der Verein die Aufnahme seines Sohnes in den Verein rückgängig machen, schlimmstenfalls könnte Udo verklagt und vorbestraft werden.

Udo könnte das Blatt aber auch wenden, in dem er den Beitrag löscht, sich beim Trainer sowie Verein entschuldigt und seinem Sohn so dessen großen Wunsch erfüllt. Was könnte Udo tun, um Ähnliches in Zukunft zu vermeiden? Ist doch in Zukunft davon auszugehen, dass der Trainer entweder Udo selbst oder seinem Sohn Dinge im Zusammenhang mit dem Training sagen wird, die Udo nicht gefallen werden. Dazu kann Udo an sich arbeiten, denn so einfach ist das nicht. Unwillkürliche Prozesse starten häufig unbewusst und sind immer schneller als willkürliche. Udo ist sich darüber klar geworden, dass seine Persönlichkeit noch andere Seiten hat, wie die, souverän kommunizieren zu können. Udo hat das dann so eingeübt, dass er, wenn er zukünftig den Trainer sieht, über dessen Lockenpracht lacht und sich dadurch daran erinnert, dass er humorvoll und redegewandt ist. So hat sich das Verhältnis zwischen ihm und dem Trainer seines Sohns dauerhaft verbessert. Gleichzeitig hat Udo ein Kompetenzerlebnis, das ihm seine Selbstwirksamkeit bewusst macht.

Oft entstehen Opferrollen auch dann, wenn ein Mensch unrealistische oder nicht erfüllbare Erwartungen gegenüber seiner Mitwelt hat. Im obigen Fall wäre das dann gegeben, wenn Udo eine Entschuldigung vom Trainer erwarten würde. Wir müssen uns auch darüber klar sein, dass sich Hass auf unser gesamtes Lebensumfeld auswirkt.

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